Prolog


In der Brusttasche seines Fliegerkombis ist ein Bild seiner Kinder.

Cleared for line up.”

„Es wird heute ziemlich herausfordernd werden.“

„Ja, was für ein Wetter! Jetzt geht’s los.“

Verdammt! Alles ist weiß um ihn herum! Er sieht nur weiß. Rechts. Links. Über ihm. Unter ihm: Alles weiß! Das gibt’s doch nicht. Was ist das  für ein Scheißwetter! Er muss sich konzentrieren. Höllisch aufpassen! Jetzt nur keinen Fehler machen. Auf gar keinen Fall. Nicht hier! Das geht alles so schnell. Er ist so wahnsinnig schnell. Dieser verfluchte Nebel! Die totale Suppe da draußen. Weiße Schwaden ziehen an ihm vorbei. So etwas hat er noch nie erlebt. Völlig verrückt.

Gleich ist er aus dem Nebel draußen. Gleich hat er es geschafft. Endlich! Der Nebel wird durchsichtiger, lichter. Er kann wieder Umrisse erkennen. Wo ist der andere Jet? Der war doch gerade noch da! Oh nein, Scheiße! Nein!

Lost wing man!“

Wie konnte das passieren? Nicht! Um Gottes Willen! Er zieht am Steuerknüppel. Zu spät! Überall Bäume, so viele Bäume …

Er ist zu schnell, viel zu schnell, was soll er jetzt noch tun …

Oh shit!“

Pull up!“

 

Kapitel 1

 

September 1989

 


Gott sei Dank, es ist vorbei! Diana und ich kommen gerade vom Kirchgottesdienst, der wie immer stinklangweilig war. In der Kirche habe ich natürlich nicht dem dürren Pfarrer zugehört, sondern bin abgeschweift, habe mir die Bilder von den Heiligen angeschaut oder bin den zackigen Rissen im Putz bis zum bunten Kirchenfenster hinunter gefolgt. Heute war es wieder besonders öde!

Wir werfen lange, lustige Schatten auf den Gehsteig. „Wer ist das?“, frage ich fasziniert und deute vorsichtig mit dem Zeigefinger zur Hofeinfahrt. Dort steht ein großer Junge mit braunen Haaren und wirft immer wieder ein kleines Baby in die Luft. Das Baby jauchzt und gluckst. Die Sonne brennt heiß herunter.

Aber eines habe ich beim Figurenangucken und Herumträumen mitbekommen: Der Pfarrer hat von irgendeinem Korintherbrief gesprochen und von der Liebe.

Diana ist das einzige Mädchen, das ich bisher vom Dorf kenne, weil sie nur zwei Straßen weiter wohnt. Sie lacht fröhlich und antwortet: „Das ist Paul. Paul Blumfeld.“ Es scheint, als fände sie ihn ziemlich cool, zumindest kann sie ihren Blick nicht von ihm abwenden.

„Und er ist schon Vater? Wie alt ist er denn?“, frage ich und blicke verwirrt auf das glückliche Baby, das er jetzt nicht mehr in die Luft wirft, sondern ihm seine übergroße Sonnenbrille aufsetzt.

„Paul? Siebzehn, glaube ich. Und das Baby ist sein Bruder. Seine Eltern haben ganz spät noch ein Kind bekommen. Er hat, glaube ich, noch zwei ältere Brüder.“

Ich bleibe kurz stehen und sehe Paul an. Dann schieben wir unsere Fahrräder weiter, viel zu langsam, eigentlich.

 

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„Becca, hast du alles? Du musst los, sonst kommst du gleich am ersten Schultag zu spät.“

Ich schwinge meine Schultasche über die Schulter. Gefrühstückt habe ich nicht, dafür bin ich viel zu aufgeregt. Die letzten vier Jahre bin ich auf das Mariengymnasium gegangen, eine schicke Privatschule nur für Mädchen im Herzen Augsburgs. Für Mädchen, deren Eltern Geld haben. Meine Eltern sind nicht reich, aber das Schulgeld kriegen sie zusammen. Sparen steht bei uns ganz oben auf der Liste, vor allem bei Papa. Wenn er 5 kg Zucchini für 1,50 DM kaufen kann, läuft er uns freudestrahlend entgegen, als wäre er ein tapferer Ritter und hätte völlig allein in einer sauerstoffarmen Erdspalte den heiligen Gral entdeckt! Dass wir dann wochenlang dieses grüne Gemüse essen müssen, bis es uns in Lebensgröße wieder aus den Ohren herauswächst, kommentiert er nur mit einem gleichgültigen Achselzucken.

Meine alte Schule! Wie gern ich dort war. Doch durch den Umzug aufs Land muss ich nun auf dieses doofe Landgymnasium wechseln. In der Kleinstadt Schwabmünchen statt in Augsburg. Total ätzend! Gleich werde ich wie ein Forschungsinsekt vor eine neue, fremde Klasse gestellt: Seht her, das ist eure neue Klassenkameradin Rebecca Santini. Heißt sie willkommen und zeigt ihr alles. Was für ein Graus! So begafft zu werden von allen. Und all die Freundinnen, die ich jetzt nicht mehr sehen kann. Ich vermisse Simona und Martine jetzt schon.

Augsburg! Ah, das war der Klang des Kopfsteinpflasters, des Läuten von Sankt Ulrich, das Glockenspiel auf dem Rathausplatz, der Spaziergang an der alten Stadtmauer entlang, die große Jakob Fugger Statue in der Philippine-Welser-Straße, die erhabene Maximilianstraße, die geschäftige Annapassage, das staubige Plärrergelände, der quirlige Königsplatz, das majestätische Stadttheater und natürlich der mächtige Dom.

Verdammt noch mal, wieso hat mich keiner gefragt, ob ich in einem Kuhkaff namens Hilberg mitten in der hintersten Pampa wohnen möchte?! Was kann mich hier erwarten außer dem Anblick von ungeteerten, holprigen Feldwegen und dem penetranten Gestank von Kuhmist auf den Feldern? Was für ein Abstieg! Widerwillig schlüpfe ich in meine schwarzen Schuhe mit dem kleinen Absatz.

„Becca, jetzt musst du wirklich gehen, der Bus wartet nicht auf dich.“

Ich nehme den Wangenkuss meiner Mama niedergeschlagen hin und gehe klopfenden Herzens zur Bushaltestelle. In einem nichtssagenden Niemandsdorf am Arsch der Welt!

 

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„Ist dieser Platz frei?“

Ein molliger, mittelgroßer Junge mit roten Backen verzieht auffällig das Gesicht, als er mich sieht. „Noi, derr isch `bsetzt!“

Bitte, was? Können die hier nicht normal sprechen? Du liebe Güte, das wird ja lustig werden! Ein paar andere Schüler lachen gemein und sehen verstohlen in meine Richtung. Also gehe ich ein paar Reihen weiter. „Ist dieser Platz frei?“, frage ich nun leise, aber immer noch höflich. Es sind Mädchen in meinem Alter, das wird schon gut gehen.

„Für dich nicht!“ Ah, zumindest sprechen diese hier normal und ich habe sie verstanden.

Der Bus setzt sich in Bewegung. Ich frage weiter, aber keiner will mir einen Sitzplatz anbieten. Mir ist ganz komisch und meine Beine fühlen sich zittrig an. Obwohl überall freie Plätze sind, will mich keiner dieser Idioten vom Land hinsetzen lassen. Sehr freundlich! Danke auch! An meiner alten Schule war ich bekannt und beliebt. Ein Star der Schulmannschaft Schwimmen. Wir haben alle Pokale der letzten Meisterschaften gewonnen. Zeitungsartikel der Augsburger Allgemeine wurden in der Aula ausgestellt. Ich vorne mit drauf. In den Durchsagen vor der Pause wurde mein Name genannt.

Ich stehe immer noch im Gang des Busses wie ein Stück Holz ohne Halterung. Der Bus fährt in eine Kurve und ich stolpere. Fast der gesamte Bus wiegt sich vor Lachen. Mein Herz krampft sich zusammen. Bis nach Schwabmünchen sind es nur zehn Minuten, das schaffe ich schon. Ich rappele mich wieder auf. Keine Tränen, niemand bringt mich zum Weinen, auch keine bescheuerten fremden Dorfkinder im hintersten Niemandsland.

„Möchtest du neben mir sitzen?“ Ein hoch aufgeschossener Junge sieht zu mir auf. Er hat ein sympathisches Gesicht, einen dunklen Teint und Locken, die in alle Himmelsrichtungen entfliehen wollen. Er sieht lustig aus, so lockig und schlaksig.

Erleichtert und dankbar setze ich mich. Forsch strecke ich ihm meine rechte Hand hin. „Ich heiße Rebecca, aber alle nennen mich nur Becca, und du?“

Er sieht verwundert aus, ich weiß nicht, ob wegen meiner förmlichen Begrüßung oder wegen der Spitznamenserklärung, und gibt mir zögernd die Hand. „Ich heiße Manuel. Ich habe schon von dir gehört. Du bist die Neue hier. Du gehst auch in die 9. Klasse, stimmt’s?“ Seine lederne Schultasche ist über und über mit Zeichnungen und Sprüchen versehen, die meisten davon definitiv nicht jugendfrei. Die Worte ‚fuck off’ und ‚real bitch’ sind in schwarzen Großbuchstaben geschrieben. Für ‚eat my ass’ hat er einen dicken, roten Edding verwendet.

„Äh, ja, das stimmt.“

„Echt nur Becca?“

„Ja, bitte. Wenn jemand Rebecca zu mir sagt, denke ich immer die Person hinter mir ist gemeint.“

„Na gut, ungewöhnlich“, sagt er und schmunzelt. „Das hier ist Paul. Mein bester Freund“, fährt er fort und deutet mit seinem Daumen auf den gegenüberliegenden Platz. Paul lächelt in meine Richtung und hebt spöttisch eine Augenbraue. Ah, der Junge mit dem kleinen Bruder. Er ist groß und sportlich, mit braunen Haaren und tiefblauen Augen. Wir sehen uns lange an und Pauls Blick irritiert mich, aber er sagt keinen Ton.

Manuel mustert mich neugierig. „Ich zeige dir, wo das Sekretariat ist. Wenn wir da sind, natürlich. In fünf Minuten oder so.“

„Danke“, murmele ich. Das flaue Gefühl in meinem Magen hat sich noch nicht verabschiedet. Dann werfe ich Paul einen letzten Blick zu. Er schaut zurück, mit einem schiefen Grinsen und ohne ein Wort.

Ich sehe aus dem Busfenster und die vorbeiziehenden Felder verschwimmen vor meinen Augen, werden zu bunten Farbklecksen, lösen sich auf und mischen sich mit meinen Gedanken. Was wird in den nächsten Stunden, Tagen, Wochen auf mich zukommen? Eine innere Böe erfasst mich und ich sinke tiefer in den Sitz. Eines ist klar. Alles wird völlig anders werden …

„Becca, wir sind da! Komm, ich zeige dir jetzt, wo das Sekretariat ist“, sagt Manu. Paul berührt mich leicht von hinten, schiebt mich sanft aus dem Bus und die anderen Schüler tuscheln angeregt hinter unseren Rücken. Wieder durchzieht ein schmerzender Stich meinen Bauch. Mit einem Blick bringt Paul die tuschelnden Dorfkinder zum Verstummen. Wow, wie hat er das so schnell gemacht?

Eine schreckliche, nicht enden wollende Busfahrt, ein Gespräch mit dem Sekretariat und eine absolut fremde Klasse, vor die ich mich gleich stellen muss. Mir ist total übel!

 

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„Und hast du Erik Sonnberg, unseren Schulschwarm aus der 11B, schon kennengelernt?“, fragt mich Bille, meine neue beste Banknachbarin, seit genau drei Tagen, die eigentlich Sybille heißt. Bille sieht mich von der Seite an. Wir stehen vor dem Spiegel auf dem Schulklo. Die große Pause ist gleich zu Ende.

„Ja.“

Vor zwei Tagen sollte ich bei unserem Nachbarn klingeln und eine Bohrmaschine ausleihen. Obwohl ich mich mehrfach gewehrt habe, kannte mein Papa keine Gnade. Dabei sagt man doch von Italienern, sie seien besonders warmherzig. „Du gehst da rüber und fragst einfach. Ich brauche jetzt eine. Per favore!“ Ich hasse solche Aufträge! Bei fremden Menschen klingeln und dann irgendwas ausleihen müssen. Ätzend! Schlimmer als bei der Matheabfrage vorne an der Tafel rechnen zu müssen!

Langsam drückte ich die Klingel, die mit „Sonnberg“ beschriftet war. Keine Reaktion, niemand kam. Ich wollte schon gehen, da drückte ich aus einem unerwarteten Impuls noch einmal. Ein Junge, nur in Jeans und ohne Oberteil, riss die Haustür in einem Ruck auf, sah mich verwirrt an. Er war leicht gebräunt, muskulös.

„Ja, was ist?“ Er klang gestresst, wenig einladend.

„Ich … äh … wollte … äh …“

Er sah mich fragend an, wartete auf einen zusammenhängenden deutschen Satz und runzelte die Stirn.

„Ich … äh … also … mein Vater …“

„Ist irgendetwas mit dir? Geht’s dir schlecht?“, fragte er genervt.

„Nein! Nein, ich wollte … mein Vater wollte fragen, ob er, also … ich uns eine Bohrmaschine ausleihen könnte? Er hatte das mit deinem Vater so ausgemacht.“

Der Junge ging ohne ein weiteres Wort wieder hinein. Stimmengewirr war zu hören. Ich tippelte nervös von einem Fuß auf den anderen. Dann hörte ich wieder Schritte.

„Die hier? Papa hat sie mir gerade gegeben. Noch was?“

Er sah wirklich gut aus. Braune Augen, stufig geschnittene, dunkelbraune Haare, breite, sportliche Schultern, eine große, gerade Nase mit einer kleinen, waagrechten Narbe darauf.

„Ist noch was?“ Die Stirn in Falten legend sah er mich an und wartete ungeduldig.

Ach, warum war ich so verdammt uncool! Das war doch nur eine blöde Bohrmaschine.

„Äh, nein, danke fürs Ausleihen. Also dann …“ Ich drehte mich um, spürte, wie mir literweise heißes Blut in meine Wangen schoss, und ich wollte einfach nur so schnell wie möglich wegrennen. Aber ich zwang mich normal zu gehen. Ich hörte noch, wie er ‚Ciao dann‘ sagte und ‚bis bald’, doch ich drehte mich nicht mehr um. Und das ist also Erik Sonnberg!

 

Bille zupft schmunzelnd ihre Levis-Jeans an ihrem Po zurecht. „Er ist echt süß. Tolle braune Augen. War er nicht dieses Jahr Jugendmeister im Tennis?“ Bille trägt noch einmal blauen Lidschatten auf ihre Augen auf.

„Ja, habe ich gehört“, murmele ich. „Es gongt gleich. Wir müssen los. Mach mal fertig. Hast du die Vokabeln gelernt? Meier wollte abfragen.“ Ich sehe mich noch einmal kurz im Schulklospiegel an, der an zwei Stellen schon dunkelbraune Flecken hat.

„Ach, der Meier. Das Schuljahr hat gerade erst begonnen und schon quetscht er uns nach Vokabeln aus!“

„Tja, so sind sie, die Lehrer. Die sind wirklich fies!“, stelle ich fest.

Bille zieht kurz eine Schnute vor dem Spiegel und betrachtet ihre blauen Lider. „Du hast so ein Glück. Erik wohnt direkt gegenüber von dir. Wir sind alle neidisch auf dich.“

Ich fühle ein leichtes, unbekanntes Kribbeln im Bauch, wenn ich an die Sache mit der Bohrmaschine denke. „Am schönsten sieht er aus, wenn er lacht.“ Ich habe ihn heimlich an der Haltestelle beobachtet, als er mit Kumpels über Fußball gesprochen hat, mich dann aber blitzartig weggedreht, als er zu mir herübersah.

Bille seufzt. „Ja, das stimmt. Er hat ein sympathisches und ansteckendes Lachen. Wenn er in einen Raum kommt, geht die Sonne auf. Und er ist wahnsinnig hilfsbereit.“

„Echt?“, frage ich neugierig. Oh Himmel, ich muss unbedingt mehr über ihn erfahren!

„Ja. Er hat bei dem Umzug seines Freundes Magnus geholfen und stundenlang Kisten geschleppt. Als die Eltern ihm etwas Geld geben wollten, hat er nur lachend abgelehnt.“

„Das würde nicht jeder machen“, sage ich anerkennend und ertappe mich dabei, dass ich seine Hilfsbereitschaft wundervoll finde.

„Magnus und Erik verbringen viel Zeit miteinander.“

„Ja, sie hängen oft zusammen ab.“

„Bist du in Magnus verknallt?“, frage ich sie direkt.

„Ich? Was? Nein!“ Ihre Antwort kommt prompt und etwas zu schnell. „OK, na ja. Ein bisschen vielleicht. Mal sehen, was sich ergibt.“ Bille sieht mich an. „Was ich dir übrigens längst sagen wollte. Du hast tolle lange, blonde Haare. So dick und glatt. Eine Million Mark würde ich dafür zahlen.“ Bille’ s Haare sind schulterlang und knallrot getönt.

Und ich würde eine Million Mark zahlen, wenn Erik mich toll finden würde, denke ich. „Danke, das ist nett von dir.” Aber dafür bin ich klein wie ein Schlumpf. Nur 1,64 Meter, obwohl ich mir bei jeder Sternschnuppe heimlich wünsche ,Lieber Gott, lass mich wachsen und mindestens 1,75 Meter groß werden, dann bete ich auch jeden Tag ein ‚Vater Unser’ oder zwei.’ Glaube nicht, dass das was bringt, Mama ist nur 1,57 m. Auch ein Bonsai. Vielleicht sollte ich noch ein paar ,Ave Marias’ drauflegen? „Komm, wir müssen jetzt wirklich los!“

Bille stellt sich andächtig ins Profil und begutachtet ihre Oberweite. Neidvoll muss ich mir eingestehen, dass es mindestens eine 80 C ist. Geknickt schaue ich an mir herunter und schätze meine Größe auf 75 Doppel A. Gibt es spezielle Lebensmittel gegen verzögertes Brustwachstum? Nein, ich glaube nicht. Dabei haben alle Frauen unserer Familie einen tollen Busen. Sollte ich zusätzlich ein paar ‚Busen-Vater-Unser’ sprechen? Natürlich teilt Mama meine ‚Oberweitensorge’ überhaupt nicht, sondern meinte nur, ich müsste einfach etwas Geduld haben.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hat mir der liebe Gott auch noch Sommersprossen verpasst, alle auf der Nase und den Wangen. Ein Fünkchen Sonnenschein und schon sind sie da. Das Leben ist nicht gerecht.

Wir blicken beide in den Spiegel. „Dein Mund ist klasse“, sagt Bille und trägt andächtig rosafarbenen Labello auf.

„Was? Echt? Du findest meine Unterlippe nicht zu groß?“

„Bist du verrückt? Deine Lippen sind toll!“

Nein, sind sie nicht, denke ich. „Na, wenn du meinst. Hörst du, jetzt gongt es. Lass uns endlich losgehen. Ich habe keine Lust, beim Meier zu spät zu kommen. Der nimmt die Gelegenheit beim Schopf und fragt uns aus.“

Bille zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Na gut, also los. Aber wen interessiert der gallische Krieg von Caesar? Sind doch alle schon mausetot. Ach, und Becca …?“

„Ja?“

„Schlag dir den Erik Sonnberg aus dem Kopf.“

„Was meinst du?“

„Erik ist wirklich toll, aber keines der Mädchen konnte ihn auf Dauer halten. Er ist ein Sunnyboy und ich glaube, er hat Beziehungen bisher nie ernst genommen. Er meint es noch nicht mal böse, er ist einfach so. Und weißt du was? Die Mädchen tragen ihm trotzdem nie etwas nach. Selbst wenn er Schluss gemacht hat, bleiben sie Freunde.“

 

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„Becca, es hat geklingelt. Machst du bitte auf?“, ruft Mama aus dem Wohnzimmer. Ihre Stimme hat einen dringlichen, selbstbewussten Unterton. Seit wir in diesem neuen großen Haus mit Garten wohnen, ist sie fröhlicher geworden und pflanzt zehn Blumen pro Quadratzentimeter Grün. „Becca, hörst du?“

Nein, ich will nicht! Ich liege gerade quer auf meinem Bett und habe die Beine an der Wand hoch gestreckt, weil es wahnsinnig bequem und ultracool ist und weil meine Eltern es hassen, natürlich. Ich höre Madonnas neue Kassette „Like a prayer“ und stelle mir vor, wie mutig es wäre, vor einem übergroßen Spiegel verrückt dazu zu tanzen.

Ich muss meine Gedanken sammeln. So viele neue Eindrücke in den letzten Tagen! Die neue Schule ist riesig im Vergleich zum kleinen Mädchengymnasium in Augsburg. Es gibt allein 12 Haltestellen für die Schulbusse, voll beladen mit Schülern aus den tiefsten Tiefen des schwäbischen Urwaldes, den man hier Stauden nennt, die ihre menschliche Fracht direkt vor dem riesigen quadratischen 70er-Jahre-Betonklotzbau wieder ausspucken. Als ich in die Klasse 9c kam, flankiert mit dem Konrektor an meiner Seite, als wäre er mein Bodyguard oder meine richterliche Begleitperson, starrten mich alle Schüler mit großen Augen neugierig an und ich wusste sofort: ,Jetzt bist du die Neue, die anders aussieht, die einen anderen Namen hat und anders spricht.’ In der zweiten Reihe war noch ein Platz frei, neben einem Mädchen mit katzenhaften, grünen Augen und knallroten Haaren. Sie hat mein panisches Gesicht gesehen, mir aufmunternd zugezwinkert und ich wusste binnen Sekunden, dass wir gute Freundinnen werden.

„Becca! Gehst du?“, ruft Mama jetzt lauter. „Es hat schon wieder geklingelt!“

Nein, ich will immer noch nicht!

„Ist es denn so schlimm hier?“, fragt sie vorsichtig, als sie ihren roten Lockenkopf in meine Tür steckt.

„Mama, die sagen hier ‚Hascht du Zeit?’ oder ‚Woisch, des get ned’!“

Mama versucht für ein paar Sekunden ihre Belustigung zu unterdrücken, aber dann prustet sie los und hört gar nicht mehr auf zu lachen.

„Mama! Echt! Sie sagen auch Sachen wie ‚Da dinna kansch dei Zoig schtau lau’! Wer bitte soll das verstehen?“

Sie muss sich kichernd die Tränen aus den Augenwinkeln wischen. Jetzt klingelt es schon wieder! „Magsch du vielleicht die Tür öffnen?“, säuselt sie und zwinkert theatralisch.

Hahaha, sehr witzig! Aber na gut, was soll’s. Becca, der Türöffnungsdiener, klar, nur weil sie keinen Bock hat hin zugehen. Ich schwinge mich hoch, schlurfe genervt zur Tür, setze mein Spaßgesicht auf und öffne. Oh nein! Nicht jetzt! Verdammt! Meine Haare sind ein einziges Chaos. Scheiße, warum habe ich diese kindische lila Jogginghose an?

„Hallo Rebecca.“

In meinem Magen wirbelt ein Schwarm Schmetterlinge auf. „Hallo, Erik.“ Er lehnt lässig an unserer Hauswand, als wohne er hier und die Wand gehöre selbstverständlich ihm. Er lächelt mich an. Mein Herz macht einen viel zu großen Sprung. Nervös spiele ich an meinen Haaren herum.

„Ich wollte … äh … fragen, ob ihr die Bohrmaschine noch braucht. Sonst nehme ich sie wieder mit.“ Erik spricht ganz normal, ohne die ‚schs’ am Wortende. Und seine Augen haben faszinierende Sprenkel in der Iris.

Ich versuche normal zu atmen und rufe in den Gang: „Mama, haben wir die Bohrmaschine von den Sonnbergs noch?“

„Hat Papa schon zurückgebracht“, ruft Mama aus dem Haus. Unbeholfen zucke ich mit den Schultern. Schade, dass er nur wegen dieser blöden Bohrmaschine hier ist. Billes Worte fallen mir wieder ein: „Erik ist wirklich toll, aber keines der Mädchen konnte ihn auf Dauer halten. Er ist ein Sunnyboy und ich glaube, er hat Beziehungen bisher nie ernst genommen.“

„Diese Karte hier ist für deine Eltern.”

„Oh, dankeschön.” Um Himmels Willen, ist das eine Einladung?

Eine Weile stehen wir schweigend da. Ein schwacher Lufthauch weht vorbei, ein paar Birkenblätter tänzeln im Wind und ich spüre die kühle Brise auf meinen Armen. Endlich durchbricht Erik die Stille und sagt: „Ja, dann.“

Mir fällt überhaupt nichts Intelligentes oder Cooles ein und so sage auch ich: „Ja, dann.“ Als die Haustür wieder zu ist, lehne ich mich mit dem Rücken dagegen und rutsche langsam auf den Boden. Hilfe, was ist nur mit mir los? Ich muss krank sein. Mir ist ganz komisch. Mein Magen, mein Herz, meine Beine …

 

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Eine Einladung zum Essen bei den Sonnbergs hat mir gerade noch gefehlt!

Eriks Mutter öffnet uns freudestrahlend die Tür. Sie hat braune, schulterlange Haare, ist nicht besonders groß, sonnengebräunt und hat warmherzige Augen. Mama überreicht Eriks Mutter einen kleinen Blumenstrauß. Ganz wild gemixt, alle Farben, typisch Mama eben. Unsere alten Fotoalben aus den 70ern verraten, dass sie ein wilder, langhaariger Blumenhippie war. „Schön, dass ihr kommt, Ingrid. Und danke für die hübschen Blumen! Dort drüben könnt ihr eure Jacken aufhängen.“ Eriks Vater nimmt sie uns freundlich ab, bevor wir selbst tätig werden können.

„Hallo, ich bin Isabella“, sagt eine große, junge Frau Anfang zwanzig mit langen dunklen Locken, „und Eriks Schwester.“ Sie ist mir auf Anhieb sympathisch. Ihre Augen sind stark dunkelbraun geschminkt, was super aussieht, ich mich aber niemals trauen würde.

„Und das ist also eure Rebecca“, fragt Conrad, Eriks Vater, und lächelt mich aufmunternd an.

Am liebsten wäre ich zu Hause geblieben. Mir ist unwohl und ich lächle gequält zurück. Ausgerechnet die Sonnbergs und meine Eltern, neue beste Freunde!

, das ist Becca“, antwortet Papa grinsend.

„Na, da musst du aber mächtig stolz sein, Giovanni. Sie ist ein schönes Mädchen“, erwidert Conrad, der meinen Vater einen halben Kopf überragt. Mir fällt sofort auf, dass Erik seinem Vater sehr ähnlich sieht. Groß, dunkelhaarig, markante Nase und sympathisches Gesicht. Aber er hat auch etwas von den Gesichtszügen seiner Mutter, die Augen vielleicht.

Papa hebt stolz mein Kinn an. „Si, meine Becca … ist hübsch.“

Sind die alle blind? Es gibt mindestens 15 Mädchen in meiner Klasse, die viel, viel hübscher sind als ich! Was würde ich dafür geben, wenn meine Nase kleiner wäre. So wie die von Kristin, klein und niedlich. Meine Nase ist groß und aristokratisch, wie Mama meint. Und meine Wimpern sind hellblond. Ohne Mascara würde man überhaupt nicht sehen, dass ich welche habe! Es ist echt gemein! Da hat man einen rassigen, italienischen Vollblutnamen und sieht aus wie eine unscheinbare, normannische Schwedin. Immerhin, ich liebe die Farbe meiner Haare. In der Sonne glänzen sie golden.

„Die Jungs werden hinter ihr her sein“, bemerkt Conrad mit einem verschwörerischen Augenzwinkern.

„Becca interessiert sich überhaupt nicht für Jungs, sondern nur für die Schule und ihren Sport. Sie ist ein Schatz, mein Schatz“, antwortet Papa trocken. Oh Mann, Papa hör auf damit! Am liebsten möchte ich vor Scham im Boden versinken. Gott, wo ist die spontane Erdspaltenöffnung, die mich verschlingt? Genau jetzt wäre der passende Augenblick!

In diesem Moment taucht Erik auf. In hellblauen Jeans und buntem T-Shirt mit Iron Maiden Aufdruck.

„Ich glaube, unsere Tochter hat einen Verehrer“, fügt meine Mama plötzlich an, „dauernd ruft ein Robert bei uns an.“ Die Augen meines Papas verengen sich zu kleinen Schlitzen und sein Gesichtsausdruck verwandelt sich von freundlich rosa zu grimmig weiß. Hilfe, können wir nicht endlich über etwas Anderes als mich sprechen? Erik sieht mir in die Augen, aber er lächelt nicht.

„Robert ist unser Klassensprecher“, verteidige ich mich und winke ab. Sichtlich erleichtert und in seiner Meinung bestätigt, nickt Papa mir zu. Eriks Augen bleiben ausdruckslos.

„Erik, das Essen ist noch nicht fertig. Möchtest du Rebecca nicht dein Zimmer zeigen?“, fragt Maria, Eriks Mama.

„Klar“, sagt er ruhig und ich folge ihm.

Nur nicht nervös werden. Er ist nur irgendein Nachbarsjunge, beruhige ich mich. Oben angekommen schließt er die Tür und legt eine CD ein. Er hat natürlich CDs, diese kleinen, neuen Musikscheiben. Über 30 Mark kosten die! Ich besitze noch keine einzige! Die Musik läuft an und spielt „Nothing Else Matters“ von Metallica. Alle sind gerade verrückt nach diesem Lied. Es kommt andauernd im Radio und auch ich mag es sehr. Wir gehen auf den Balkon, aber die Musik ist noch gut zu hören. Die Nachtluft ist angenehm warm und es riecht nach frisch gemähtem Gras. Ich liebe diesen Duft. Wir vermeiden es uns anzusehen und schauen einfach nur auf die Maisfelder vor uns.

„Robert …“, beginnt er.

„Ist nur der Klassensprecher“, falle ich ihm ins Wort. Warum tue ich das? Was geht ihn das schon an? Ich kann reden, mit wem ich will, oder nicht?

„Du magst ihn?“ Jetzt dreht er sich zu mir um. Himmel, er ist einen ganzen Kopf größer als ich. Seine warmen, braunen Augen sehen mich lange an. Seine Wimpern sind dicht. Woher er wohl die kleine Narbe auf der Nase hat? Ich fühle mich seltsamerweise geborgen in seiner Gegenwart, aber mein Herz schlägt zu schnell, ich muss schlucken und mein Mund fühlt sich plötzlich so trocken an, als hätte ich eine Schaufel Sand verschluckt, den grobkörnigen.

„Er ist nett.“

„Aha.“ Er blickt mich eindringlich an. Ich habe das Gefühl, meine Antwort gefällt ihm nicht. Dann sagen wir erst einmal nichts mehr und das ‚neue Gefühl in mir’ wird so groß, dass ich am liebsten auf der Stelle gehen möchte. Gleichzeitig möchte ich aber bleiben. Was ist nur los? Viele Augenblicke stehen wir schweigend da. „Deine Eltern sind nett“, meint er irgendwann.

„Deine auch“, sage ich kurz. „Deine Schwester macht gerade eine Ausbildung?“

„Ja, im Oberjoch. Zur Hotelkauffrau.“

„Ihr versteht euch gut?“

„Ja? Wieso?“

„Ist ein Bauchgefühl. Ich meine die Art und Weise, wie ihr euch vorhin angesehen habt.“

Erik nickt in meine Richtung und ein warmes Strahlen geht von ihm aus. „Wo kommen deine Eltern her?“, fragt er und lehnt lässig mit dem Rücken am Balkongeländer. Ich glaube, er ist mir ein bisschen näher gekommen. Oder bilde ich mir das nur ein?

„Mama kommt aus Augsburg und Papa kommt aus einem kleinen Bergdorf aus Sizilien.“

„Dein Papa hat einen lustigen italienischen Akzent. Er sagt ‚die Auto’ und ‚Aus statt Haus’.“

Ich muss lachen. „Das höre ich schon gar nicht mehr! Papa sagt auch ‚die Mond’ und ‚Ich habe fertig’. Er hat schon immer so gesprochen. Na ja, deutsche Sprache, schwere Sprache.“

Erik lacht schallend auf. „Ja, das sagt mein Deutschlehrer auch immer.“ Sein Lachen ist einzigartig schräg und irgendwie ansteckend. Ein Lachen, das man sofort aus dreißig Menschen heraushört, schießt es mir in den Sinn. Mit ihm gemeinsam zu lachen, fühlt sich großartig an.

Ich drehe mich nun auch mit dem Rücken zum Balkongeländer, streife dabei aber einen leeren Blumentopf, der prompt mit einem lauten Scheppern umfällt und zu Bruch geht. Oh nein, wie peinlich! Ich bücke mich, um die Scherben aufzusammeln. Erik hat den gleichen Gedanken und unsere Hände berühren sich kurz. Ein kribbeliges, zischendes Gefühl saust in Lichtgeschwindigkeit durch meinen Bauch. „’Tschuldigung“, nuschele ich nervös.

„Der, ist eh schon alt. Der wartet nur darauf, dass man ihn umwirft, so hässlich wie er ist“, erklärt er mir mit einem Augenzwinkern und wir stehen wieder auf. „Dann hat Mama endlich einen Grund, einen neuen zu kaufen.“ Er mustert mich von der Seite und tritt dann etwas näher. „Deine Augen sind gar nicht blau“, beginnt er. „Sie sind blaugrau. Das sieht sehr …“

„Rebecca? Erik? Essen ist fertig. Kommt ihr herunter?“, ruft Isabella plötzlich nach oben.

Erleichtert und nervös gehe ich zur Tür und lege meine Hand auf die Türklinke. Die Anlage ist immer noch an und spielt jetzt „Wind of Change“ von den Scorpions. Im gleichen Augenblick legt Erik seine Hand auf meine. Sie ist warm und fest und ich habe das Gefühl, sie überträgt unsichtbare Funken in meine Finger und von dort in meinen gesamten Unterbauch, in meine Beine, in meine Zehen, einfach überall hin. Jetzt hat mein Herz vollständig aufgehört zu schlagen. Wieso kann ich nicht einfach cool bleiben? Er ist nur ein siebzehnjähriger Nachbarsjunge und nicht Richard Gere! Gleichzeitig öffnen wir die Tür, unsere Hände trennen sich und der magische Moment ist vorbei.

„Ich gehe vor“, sagt Erik freundlich.

Ich folge ihm unsicher und rieche den herrlichen Duft von gebratenem Fleisch und Nudeln. Eriks Mama muss eine tolle Köchin sein, aber Hunger fühle ich gerade keinen! Im Gegenteil, ich fühle mich, als könnte ich monatelang überhaupt nichts mehr essen. Bedacht nicht zu stolpern, was mir sonst andauernd passiert, gehe ich Stufe für Stufe nach unten. Ich zähle die Stufen, um mein Stolperrisiko zu minimieren. Fünf, sechs, sieben, acht, neun …

Er dreht sich noch einmal um und lässt seinen Blick lange auf mir ruhen. Seine braunen Augen mustern mich, von unten bis oben, mit einer Mischung aus Neugier und irgendetwas Neuem. Etwas, das ich noch nicht kenne. Gott, ich finde ihn total süß, aber das fühlt sich alles so fremd an! Bisher war mir doch jeder Junge zu laut, zu grob und zu doof. Jungs waren bescheuerte Wesen! Sie spuckten beim Fußball eklige, weißschleimige Speichelklumpen auf den Boden, feuerten sich in der Pause leidenschaftlich beim Rülpswettbewerb an und schlugen sich am Rande der Tartanbahn zum Spaß blaue Flecken auf den Oberarm. Jungs waren total dämlich!

Aber bei Erik ist alles anders. Ich finde ihn überhaupt nicht bescheuert. Diese seltsamen Gefühle verwirren mich. Ich sollte Billes Rat befolgen und ihn mir aus dem Kopf schlagen. Alle Mädchen sind verliebt in ihn und ich bin nur ein winziger, hässlicher, flachbrüstiger, sommersprossiger Niemand.